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Landgang beendet

Landgang beendet -Ausschnitt aus den See & Flussgeschichten"des Autors J.H.

Anfang Dezember erhielt ich Post aus Dresden mit folgender Geschichte

Landgang beendet ! Im Laufe eines zeitigen Vormittags,an einem Tag amAnfang der sechziger Jahre, erreichten viele Vorort- und Fernzüge den Rostocker Hauptbahnhof.Der große Speisesaal der Mitropa war zu dieser Zeit nur mäßig besetzt. Überdimensionale Fenster mit grauen Gardinen erhellten den Raum. Ventilatoren sorgten für ständige Frischluftzufuhr. Zwischen den vielen Tischen mit buntenTischdecken segelten eifrige Kellner in weißen Jacken und schwarzen Fliegen von Tisch zuTisch. Hohl dröhnten Lautsprecherdurchsagen mit wichtigen Meldungen über ankommende Züge, Zugverspätungen undAbfahrten. Einige Leute saßen schief auf ihren Stühlen und pflegten ihre Augen, andere winkten den Kellnern zu, um etwas zu bestellen. Hoch oben von der weiß gekalkten Wand beobachtete Walter Ulbricht das ganze Geschehen aus toten Augen. In einer Fensterecke nahmen mehrere junge Männer Platz und stellten ihre Reisetaschen unter die Fensterbänke. Sie wollten zwei Vierertische zusammenstellen, aber da schritt ein schmalbrüstiger Kellner sofort energisch ein, um das zu unterbinden. Die Männer ließen von ihrem Vorhaben ab, ermahnten aber den Kellner, möglichst schnell helle Schaumbrühe heranzuschaffen. Nach dem achtägigem Landgang traf man sich zu einem kleinem Schwätzchen mit Kollegen von anderen Schiffen. Sozusagen ein Erfahrungsaustausch, auch im Interesse der Reederei. Dabei wurde natürlich nicht vergessen, die Kehle gut durchzuspülen. Die Jungs waren frisch rasiert, ihre Haare glänzten gepflegt und auch die Hosen waren gebügelt. Nur an der Umgangssprache und ihrem wiegendem Gang erkannten die Kenner, daß es sich umSeeleute handelte, die auf demWeg in den Hafen waren. Brieftaschen kannten die Jungs nicht. Die Geldscheine klebten gebündelt in ihren verschiedenen Taschen. Doch diese Geldbündel wurden nach den Landgängen immer schmaler. Häufig wurde jetzt auch schonmal nach Hartgeld gesucht. Das war meist in allenTaschen gleichmäßig verteilt. Wo aber war das ganze, schwer verdiente Geld geblieben? Die größte Anschaffung hatte Olli vorzuweisen! - EineZahnbürste!!! Das war das Ergebnis einer längeren Unterhaltung mit einer jungen Zahnärztin! "Wahnsinn", stöhnten die anderen jungen Männer und besahen sich die gereinigten Fingernägel ihrer frisch vernarbten Hände. Die Reisen wurden immer länger. Gewiß die Arbeitszeiten hatten sich verbessert, sonst wären so lange Reisen auch kaum möglich gewesen. Sie arbeiteten nun in mehreren Schichten, so daß in der Regel täglich sechs Stunden Freiwache gesichert waren.Viel zu viel Zeit, um das knappeTrinkwasser auf See zu vergeuden, meinten dagegen die Maschinisten. Obwohl diese Matrosen wußten, daß Sie erst im kommendemWinter wieder einlaufen würden ,hatte doch keiner von Ihnen einen Wintermantel im Gepäck. Es war Ihnen einfach zu blöde, jetzt im Sommer, schon mit Wintersachen herumzulaufen. Ja und außerdem waren ihre Kleiderschränke an Bord auch viel zu klein und sollte das Schiff dochmal absaufen, so wäre der Wintermantel ja auchmit futsch. Der Lautsprecher knarrte plötzlich und hohl und überraschend erklang plötzlich eine Durchsage: "Die Besatzung des Trawlers "Marienehe" möchte sich bitte unbedingt in ihren Hafen begeben". Woher wissen die, daß wir hier sind? "Herr Ober zahlen ", rief Bestmann Sepp. Die gesammte Zeche geht auf meineRechnung und fürJeden noch einen halbenLiter Bier dazu. Der Nachbartisch zahlte ebenfalls. Die siebenMänner verließen mit ihren großen Reisetaschen den Speisesaal. Im hallenden Bahnhofsgebäude kam Ihnen ein älterer Mann entgegen. Es war der Betriebsfahrer aus dem Fischereihafen.Vor dem Bahnhof erwartete Sie ein alter LKW "Horch", mit aufgespannter Segeltuchplane. Die hintereKlappe wurde herabgelassen und die Männer stiegen auf und nahmen auf den beiden längsseits stehenden Holzbänken Platz."Das ist aber eine Organisation" sagte Icke, der Netzmacher. "Wer hat sich denn diesen Service ausgedacht ", fragte der Matrose Olli. "Wir sind viel zu zeitig", meinte ein anderer Matrose. Als der Wagen das Betriebsgelände erreichte, staunte der LKW- Fahrer nicht schlecht, daß der Frachtraum seines Lastkraftwagens völlig leer war und dadurch seine Sonderprämie in Gefahr geriet. Sofort wendete er seinenLKW und fuhr zurück, zum Doberaner Platz, weil dort die wichtigste Verkehrsampel in dieser Gegend stand....Die nächste Kneipe waren nämlich die "Doberaner Bierstuben". Dort saßen unsere Seeleute in gemütlicher Runde und beobachteten die schnuckelige Serviererin bei derArbeit. Bei den Seeleuten der wieder auslaufenden Schiffe, war sie ganz besonders um deren Wohl bemüht. Neben hohen Trinkgeldern wurde noch so mancher nicht mehr benötigte Geldschein in ihren üppigen Ausschnitt gesteckt!...."Na wo warst Du denn solange?", fragte Sepp den hereinkommendenFahrer und bestellte für Ihn ein Kännchen Kaffee. "Den anderen Herren bringen Sie bitte die Abschlussrunde". Er zeigte auf seine Leute."Ich hatte Euch nicht aussteigen sehen", sagte der Fahrer,"mein rechter Außenspiegel ist leider kaputt!...Macht aber nichts. Technik ist sicher nicht alles imLeben." Im Hafen wurde Proviant für hundertzwanzig Tage gebunkert. Das war eine beträchtliche Menge an Lebensmitteln. Aber auch der Funker hatte einen ganzen Wagen voll neuer Technik. "Nanu, was ist denn das?" Eine Kinoanlage mit vielen bekannten Filmen, sagte der Funker ganz stolz. "Prima",sagte Beule zu den Umstehenden. Wenn eine spannende Stelle kommt, kann man nochmal zurückspulen und wiederholen."Was hast Du denn für Filme" ? Obenauf lag als erster Titel "Wie der Stahl gehärtet wurde". "Ist auch etwas Klassisches dabei?" "Panzerkreuzer Potjomkin".Sie wühlten weiter und fanden "Nackte Frauen im Paradies". "Na das hört sich ja mal schon ganz gut an!"und hier "Das Mädchen Rosemarie". Sie lachten und stießen sich in die Rippen. Das war etwas, womit sie sich den Füller aufladenkonnten. Ein eiliger Radfahrer kam, hielt kurz an und fragte nach dem Chief. Es war der knochige Maschineninspektor aus der Hafenverwaltung und zwar wie meist immer in eiliger Mission. Als er dann schon wieder auf seinem Fahrrad saß, stieß Sepp ihn kurz an und zeigte auf denMast eines in der Nähe liegenden Loggers. "Na, was sagst Du nun zu dieser Sauerei? Gehört dieses Ding etwa der Tittennelli aus der Verwaltung?" Der anfahrende Inspektor streckte den Hals in die Höhe und sah in der Mastspitze des vertäuten Loggers, einen im Wind wehenden grossen Büstenhalter. "Für so etwas bin ich nicht zuständig", wollte dann aber doch wissen, um welches Schiff es sichhandelte. Die Fusspedalen des Fahrrades drehten sich weiter und sein Hals verenkte sich weiter, nach hinten und plötzlich stand dort ein dämlicher Handwagen, direkt am Rande des Hafenbeckens. Das Rad bremste unverhofft und der Inspektor rutschte über seinen Fahrradlenker auf denLeiterwagen. Dieser rollte los und und ab in das Hafenbecken. Mit den Armen wie wild rudern, nutzte dem Inspektor nichts. Es plumste klatschend und die dreckige Oel-Brühe spritzte bis zu denMännern und bespritzte auch noch die neue Filmanlage. Der Maschineninspektor schüttelte das klebrige Hafenwasser aus seinen Haaren und schnaubte wie ein Nilpferd, als er auf der eisernenLeiter, am betonierten Kai wieder nach oben kletterte. Seine Brille und seine speckige Schiebermütze fehlten. Die lederne Mütze schwamm imHafenbecken. Er schüttelte sich kräftig und das Wasser tropfte auf denKai. Seine Kleider stanken bestialisch nach Diesel. Als erstes suchte er nun sein Fahrrad. Das lag verbeult amKai. "Na, nochmal Glück gehabt", murmelte er leise. Beim letzten Mal war das Fahrrad sogar hinter Ihm hergerollt, denn diesenUnfall erlebte er ja nun schon zum Zweitenmal!

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